WDR-Sendung vom 27.01.05  
Quelle:
(Von Volker Hein)  http://www.wdr.de/tv/service/geld/inhalt/20050127/b_5.phtml
Dienstleistungen sind in den letzten Jahren immer teurer geworden. Was liegt da näher, als die gegenseitige Hilfe à la „Tausche Haare schneiden gegen tapezieren“ oder „Tausche Erbsensuppe gegen eine Runde Rasen mähen“? In Tauschringen wird diese Art der „Nachbarschaftshilfe“ organisiert. Hier muss der Tausch nicht direkt erfolgen. Durch eine künstliche Währung bekommt man die Möglichkeit, seine Leistung gegen eine Wunschgegenleistung einzutauschen.

Das Entstehen von Tauschringen
Bereits im Jahr 1832 eröffnete Robert Owen in London eine so genannte Arbeitsbörse. Hier konnten Arbeiter Waren tauschen, die mit Arbeitsscheinen vergütet wurden. Das Prinzip ähnelt dem der ersten Tauschringe, die 1979 in Kanada entstanden und in den 90ern nach Deutschland kamen. Hier zulande gilt der Tauschring „Dömak“ in Halle als erster seiner Art.
Heute gibt es allein in Deutschland weit über 350 Tauschringe, Tendenz steigend. Das Prinzip
Ein Tauschring funktioniert nur, wenn sich mehrere Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenschließen. Wie im „richtigen“ Markt ist es wichtig, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Damit man nicht nur direkt tauschen kann („Haare schneiden gegen tapezieren“), benötigt man eine Währung, mit der die Leistungen abgerechnet werden.
Die Währungen heiße – je nach Tauschring – unterschiedlich, zum Beispiel „Kiesel“, „Taler“, „Talente“ , „Peanuts“ etc.Auch der Wert der Arbeit wird unterschiedlich gehandhabt. In einigen Tauschringen
wird der „Stundenlohn“ vor dem Tausch vereinbart.
Im Tauschring Witten gilt das Ursprungsprinzip, dass jede Arbeit gleich viel wert ist, nämlich 20 Talente pro Stunde.

Ein Beispiel: Eva kann gut Erbsensuppe kochen, Bernd ist geübt im Anstreichen und Anna hat Ahnung von Computern. Eva lässt sich nun von Anna am Computer helfen und bekommt dafür nach einer Stunde 20 Talente auf ihrem Konto gutgeschrieben.

Ein paar Tage später hilft Bernd Anna beim Anstreichen und bekommt ebenfalls 20 Talente pro Stunde. Der Kreis aus „Geben und Nehmen“ schließt sich, wenn sich Bernd nun eine Erbsensuppe von Eva kochen lässt.

Dieses Prinzip bietet natürlich in einem großen Kreis viel mehr Möglichkeiten.
Im Tauschring Witten etwa gibt es derzeit rund 250 Mitglieder. Das reicht für weit mehr als 1.000 Angebote. Zu dem haben sich inzwischen mehrere Tauschringe zusammengeschlossen. Ein Brief etwa lässt sich schließlich auch von Berlin aus übersetzen, und ein Kölner hat möglicherweise Lust, eine Ferienwohnung aus Sylt zu nutzen. Die moderne Telekommunikation verbessert das Angebot erheblich.

Was sagt das Finanzamt dazu?
In der Regel nichts. Denn Mitglieder von Tauschringen wird in der Regel keine Gewinnerzielungsabsicht unterstellt. „Taler“ oder „Talente“ werden schließlich nicht zum Horten erwirtschaftet, sondern zum Ausgeben.
Im Tauschring Witten hat man zudem eine Ober- und eine Untergrenze von 700 Talenten
(= 35 Arbeitsstunden) eingeführt, die das Sparen oder das Verschulden verhindern soll. Außerdem halten sich die Tauschhandlungen in den meisten Fällen in Grenzen.

Doch beim Tauschring Witten gibt es auch einen Biohof, der seine biologisch angebauten Produkte im Tauschring anbietet. Damit sich die Einnahmen bei der Finanzbehörde melden lassen, wird ein Teil in Talenten, ein Teil in Euro gezahlt. Der Biohof nutzt im Gegenzug die Hilfe von Tauschringmitgliedern beider Ernte.

Mehr als ein Austausch von Waren und Dienstleistungen
Die meisten Tauschbörsen haben über den Austausch von Waren und Dienstleistungen hinaus auch eine soziale Komponente. Unentdeckte Talente sollen entdeckt und Leistungen, die auf dem freien Markt nicht genügend gewürdigt werden, eine Aufwertung bekommen. Körperlich Behinderte etwa können Hilfe
beim Einkauf bekommen. Dafür haben sie andere Fähigkeiten, für die es einen Bedarf gibt, zum Beispiel Übersetzungen schreiben, Telefontätigkeiten etc.
Zudem entstehen durch Tauschgeschäfte oft Freundschaften, die über die reine Tauschhandlung hinausgehen. Der Wittener Tauschring nennt sich aus diesem Grund „Tausch- und Aktivitätenbörse Witten“.


Hinweis:
Einige Einzelheiten in der Moderation des Fernsehbeitrages sind mißverständlich ausgedrückt, bzw. nicht ganz richtig: 1. Daß das Finanzamt die Tauschvorgänge nicht interessiert stimmt nur inTeilen. Für den Tausch im Rahmen der Nachbarschaftshilfe liegen die Aktivitäten unter der Bagatell-Grenze bzw. es besteht keine Gewinnerzielungs-Absicht.
Bei Gewerbetreibenden sieht dies aber ganz anders aus, da müssen Talente-Einnahmen dem Finanzamt angegeben und auch versteuert werden. 2. Die Sache mit der Teinahme von Juristen stimmt auch nicht so ganz. Juristen, Ärzte, Architekten müssen sich z.B. streng an ihre Honorar-Ordnung halten, so dass sie auch nicht so ohne Weiteres Mitglied sein können.3. Der Name der Tauschpartnerin war falsch benannt / beschrieben
Sie heißt Gudula Schwab - ohne "n"